Von außen betrachtet wirkt Ihr Leben vielleicht ziemlich gut organisiert. Sie funktionieren im Alltag, übernehmen Verantwortung, kümmern sich, denken mit. Andere erleben Sie vermutlich als zuverlässig, reflektiert oder belastbar.
Und trotzdem gibt es da oft diesen inneren Druck. Das Gefühl, noch mehr leisten zu müssen. Noch besser vorbereitet zu sein. Noch etwas übersehen zu haben. Selbst kleine Fehler beschäftigen Sie länger als nötig. Entlastung fühlt sich häufig nur kurzfristig an. Und selbst wenn objektiv vieles gelingt, entsteht innerlich in Ihnen selten wirklich das Gefühl von Zufriedenheit. Oft ertappen Sie sich bei Gedanken wie: „Ich müsste das eigentlich besser hinbekommen.“ Oder: „Andere schaffen das doch auch.“
Wenn Sie das kennen, hat das meist weniger mit mangelndem Selbstbewusstsein zu tun. Dahinter stehen oft sehr stabile innere Regeln darüber, wie man sein sollte, um anerkannt, sicher oder „gut genug“ zu sein. Viele Menschen merken dabei lange gar nicht, wie stark diese sogenannten „inneren Antreiber“ ihr Denken und Verhalten bestimmen.
Diese inneren Regeln entwickeln sich meist in sehr frühen Beziehungserfahrungen. Kinder haben ein ausgesprochen feines Gespür dafür, worauf ihre Umgebung positiv reagiert. Sie merken schnell, welches Verhalten Anerkennung bekommt, wann Erwachsene zufrieden wirken und womit sie eher anecken oder Schwierigkeiten auslösen. Aus solchen Erfahrungen entstehen mit der Zeit innere Überzeugungen darüber, wie man sein sollte.
Zum Beispiel:
Irgendwann gehen uns solche Überzeugungen in Fleisch und Blut über. Den meisten Menschen sind derartige „Glaubenssätze“ aber gar nicht bewusst. In der Psychologie spricht man in diesem Zusammenhang häufig von sogenannten „inneren Antreibern“. Das Konzept stammt ursprünglich aus der Transaktionsanalyse und beschreibt verinnerlichte Botschaften, die unser Verhalten unterschwellig steuern und damit unser Leben stark prägen.
Typische innere Antreiber lauten zum Beispiel:
Das Problem an diesen Antreibern ist gar nicht, dass sie an sich völlig falsch wären. Viele Menschen verdanken ihnen einen Teil ihrer Leistungsbereitschaft, ihrer sozialen Kompetenz, ihres Durchhaltevermögens oder ihres Verantwortungsgefühls. In der richtigen Dosierung können sie durchaus wertvolle Ratgeber sein. Schwierig wird es dort, wo einer oder mehrere dieser Antreiber die Zügel ungehemmt an sich reißen und aus Orientierung ein dauernder innerer Druck entsteht.
Viele Frauen mit starken inneren Antreibern wirken nach außen ausgesprochen kompetent: Sie organisieren viel, denken voraus, kümmern sich um andere und versuchen, Dinge möglichst gut zu machen. Genau deshalb fällt oft lange nicht auf, wie sehr sie das innerlich anstrengt.
Hinzu kommt ein Faktor, der gesellschaftlich nach wie vor eine große Rolle spielt: Mädchen lernen (auch heute noch!) früher als Jungen, sich über Anpassung und soziale Kompetenz zu definieren. Sie werden eher dafür gelobt, rücksichtsvoll, hilfsbereit oder „vernünftig“ zu sein. Dadurch beginnen viele Frauen sehr früh damit, sich selbst vor allem darüber zu definieren, wie sie auf andere wirken und ob sie Erwartungen erfüllen. Und das kann dann leicht dazu führen, dass eigene Bedürfnisse innerlich und äußerlich schneller zurückgestellt werden - nicht bewusst, sondern weil andere Dinge wichtiger erscheinen. Viele merken erst relativ spät, wie stark ihr Selbstwert davon abhängt, ob sie leisten, funktionieren oder für andere da sein können.
Innere Antreiber zeigen sich selten in großen Krisen. Meist sind sie im Alltag sichtbar. Sie erkennen sie unter anderem daran, dass Sie:
Typisch für starke innere Antreiber ist eine Form von dauernder Selbstbeobachtung: Sie prüfen innerlich ständig, ob Sie genug leisten, genug schaffen, genug funktionieren. Kaum ist etwas erledigt, richtet sich die Aufmerksamkeit schon wieder auf das Nächste. Was gelungen ist, wird schnell selbstverständlich. Was nicht optimal lief, bleibt dagegen oft unverhältnismäßig lange im Kopf. Genau dadurch entsteht das Gefühl, nie wirklich fertig oder zufrieden zu sein.
Viele Frauen merken irgendwann sehr deutlich, dass ihnen dieser ständige innere Druck nicht guttut. Und trotzdem fällt es ihnen schwer, etwas daran zu verändern.
Das liegt unter anderem daran, dass unsere inneren Antreiber häufig eng mit unserer Identität verbunden sind. Vielleicht erleben Sie sich selbst als gewissenhaft, stark oder besonders verantwortungsvoll. Wenn Sie jetzt beginnen, Ihre inneren Antreiber infrage zu stellen, entsteht in Ihnen vielleicht das Gefühl, dadurch zu einer weniger leistungsfähigen, weniger zuverlässigen oder sogar zu einer egoistischen Person zu werden. Und wer will das schon sein?
Hinzu kommt noch etwas anderes: Innere Antreiber erzeugen nicht nur Druck, sondern oft auch ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle. Wer immer alles im Blick behält, sich früh kümmert, keine Schwäche zeigt oder möglichst keine Fehler macht, versucht damit häufig nicht nur, „gut“ zu sein. Dahinter steckt oft auch die Angst vor Ablehnung, Kritik, Versagen oder davor, anderen zur Last zu fallen.
Genau deshalb halten viele Menschen so lange an ihren inneren Antreibern fest - selbst dann, wenn sie längst erschöpft davon sind. Denn dieser innere Druck erfüllt durchaus eine Funktion. Und genau deshalb verschwindet er auch nicht einfach dadurch, dass man beschließt, ab sofort mal etwas „lockerer“ zu sein.
Veränderung beginnt auch hier - wie so oft! - meist nicht mit radikalen Entscheidungen, sondern mit einem genaueren Blick auf sich selbst. Zum Beispiel damit, den eigenen inneren Tonfall bewusster wahrzunehmen:
Oft zeigt sich dabei, dass man an sich selbst deutlich strengere Maßstäbe anlegt als an andere. Und dass man mit sich selbst weit weniger freundlich und verständnisvoll umgeht als mit anderen. Eine Frage, die ich Klientinnen mit sehr starken inneren Antreibern gerne stelle, lautet: „Wenn Sie mit Ihrer besten Freundin so umgehen würden wie mit sich selbst - wie lange wären Sie beide vermutlich noch beste Freundinnen?“
Ein wichtiger Schritt besteht aber natürlich nicht darin, alle Ansprüche an sich selbst aufzugeben. Sondern darin, die eigene innere Haltung etwas genauer zu hinterfragen: Müssen Sie wirklich ständig so streng mit sich sein, um verantwortungsvoll, leistungsfähig oder verlässlich zu bleiben?Oder haben Sie sich über Jahre nur an eine überhöhte innere Messlatte gewöhnt, die Sie inzwischen längst für normal halten?
Gerade Frauen mit starken inneren Antreibern nehmen ihren inneren Druck oft lange gar nicht mehr bewusst wahr. Viele merken erst dann, wie erschöpfend dieser Zustand eigentlich ist, wenn er für einen Moment nachlässt. Zum Beispiel im Urlaub. An freien Tagen. Oder in Situationen, in denen plötzlich nichts mehr „muss“ (z. B. weil man krank ist) - und stattdessen eine innere Unruhe entsteht, die sich überraschend unangenehm anfühlen kann. Denn wer über Jahre gelernt hat, sich vor allem über Leistung, Verantwortung oder Funktionieren zu regulieren, erlebt Ruhe oft nicht automatisch als Entlastung, sondern zunächst eher als Kontrollverlust oder Leere.
Wenn Sie beginnen, Ihre inneren Antreiber klarer zu erkennen, verschwindet der Druck nicht plötzlich. Oft läuft er noch lange weiter. Nur eben nicht mehr ganz so selbstverständlich wie vorher.
Genau das ist der entscheidende Punkt. Denn viele Frauen erleben ihren inneren Druck irgendwann nicht mehr als etwas, das sie antreibt, sondern als etwas, das sie sind. Sie halten sich für besonders gewissenhaft, besonders belastbar oder besonders verantwortungsvoll - und merken dabei oft gar nicht mehr, wie viel unbarmherzige Härte inzwischen darin steckt.
Erst mit etwas Abstand wird ihnen klar, wie stark ihr eigenes Leben sich über Jahre um Funktionieren, Kontrolle oder das Vermeiden von Fehlern organisiert hat. Und manchmal entsteht genau dort dann eine unbequeme, aber wichtige Frage:
Wie viel von dem, was ich ständig von mir verlange, brauche ich wirklich noch?
Und wie viel davon habe ich mir irgendwann einfach angewöhnt?
Darauf gibt es selten schnelle Antworten. Aber oft beginnt genau an diesem Punkt etwas Entscheidendes: Man betrachtet sich selbst nicht mehr nur unter dem Gesichtspunkt, wie leistungsfähig oder belastbar man ist. Sondern beginnt langsam zu verstehen, was dieser dauernde innere Druck einen eigentlich kostet.
Und allein diese Erkenntnis verändert häufig schon mehr, als man glaubt.