Der Blog von Felicitas Heyne

Warum manche Frauen ihr Leben lang versuchen, sich ihren Wert zu beweisen

Geschrieben von Felicitas Heyne | Jul 2, 2026 3:24:54 PM

Im ersten Teil dieser Reihe über weiblichen Narzissmus ging es um eine Beobachtung, die viele Frauen wahrscheinlich erst einmal überrascht: Hinter narzisstischen Mustern steckt oft nicht übersteigerte Selbstliebe, sondern ein fragiles Selbstwertgefühl. Die ständige Sorge, nicht gut genug zu sein. Nicht erfolgreich genug. Nicht liebenswert genug. Nicht besonders genug.

Die spannende Frage, auf die ich die Antwort im ersten Teil noch schuldig geblieben bin, lautet nun: Woher kommt dieses Gefühl eigentlich? Denn natürlich kommt kein Kind mit der Überzeugung auf die Welt, seinen Wert ständig beweisen zu müssen.

Kinder lernen ihren Wert in Beziehungen

Wenn wir geboren werden, wissen wir noch nichts darüber, wer wir sind. Ob wir wertvoll sind, liebenswert, wichtig. Am Anfang erleben wir uns noch nicht einmal als vollständig eigenständige Person. All das lernen wir erst. Und wir lernen es nicht im luftleeren Raum, denn unser Gefühl dafür, wer wir eigentlich sind, entsteht erst nach und nach in der Interaktion mit anderen.

Kinder entwickeln ihr komplettes Selbstbild also immer in der Beziehung zu anderen Menschen - vor allem zu denjenigen, von denen sie abhängig sind. Das heißt aber auch: Ein Kind erlebt sich zunächst vor allem so, wie es von seinen wichtigsten Bezugspersonen erlebt wird. Wird es gesehen? Wird es ernst genommen? Wird es getröstet, wenn es traurig ist? Darf es Fehler machen? Darf es wütend sein? Darf es eigene Bedürfnisse haben? Aus Tausenden kleiner Erfahrungen entsteht nach und nach im Kind so ein inneres Gefühl darüber, wer es ist und welchen Platz es in der Welt hat.

Im Idealfall entwickelt ein Kind dabei die Überzeugung: "Ich bin in Ordnung. Ich darf da sein. Ich werde geliebt, auch wenn ich nicht perfekt bin."

Natürlich bietet keine Kindheit diesen Idealzustand vollständig und durchgehend. Das muss sie aber auch nicht. Kinder brauchen keine perfekten Eltern. Aber sie brauchen die generelle Erfahrung, dass ihre Existenz, ihre Gefühle und ihre Bedürfnisse grundsätzlich willkommen sind. Und genau diese Erfahrung ist es, die Frauen mit narzisstischen Mustern in der Regel nicht machen durften.

Dadurch entsteht häufig etwas, das viele Betroffene später wie eine innere Leerstelle erleben. Psychologen sprechen hier manchmal von einer „narzisstischen Wunde“. Gemeint ist kein einzelnes traumatisches Ereignis, sondern das Fehlen einer grundsätzlichen Erfahrung, die für die Entwicklung eines stabilen Selbstwertgefühls entscheidend gewesen wäre. Was später wie Perfektionismus, Anpassung oder das ständige Streben nach Anerkennung aussieht, ist oft einfach der Versuch, diese Leerstelle nachträglich zu füllen.

Wenn Liebe an Bedingungen geknüpft wird

Viele Frauen mit narzisstischen Mustern berichten allerdings von einer Kindheit, in der sie zwar durchaus geliebt wurden. Die Botschaft, die ihnen vermittelt wurde, lautete jedoch oft nicht: "Du bist wertvoll, weil du da bist“, sondern eher: "Du bist wertvoll, wenn ...

... du gute Leistungen bringst.“

... du keine Schwierigkeiten machst.“

... du vernünftig bist.“

... du stark bleibst.“

... du unsere Erwartungen erfüllst.“

Solche Botschaften werden natürlich nur selten ausdrücklich ausgesprochen. Viel öfter werden sie zwischen den Zeilen vermittelt. Gerade sensible Kinder nehmen sie dann sehr genau wahr. Vielleicht merkt ein Mädchen zum Beispiel, dass es hauptsächlich dann Aufmerksamkeit, Lob und Anerkennung bekommt, wenn es brav funktioniert. Vielleicht macht es auch die Erfahrung, dass Konflikte immer sehr unangenehm sind, oder dass seine Eltern auf bestimmte Gefühle, die es zeigt - Traurigkeit, Wut, Angst - ablehnend reagieren.

Das Kind schließt daraus verständlicherweise: Wenn ich geliebt werden möchte, muss ich etwas dafür tun. Und später wird daraus dann oft das Lebensmotto, das ich im ersten Artikel beschrieben habe: "Ich bin nur wertvoll, wenn ..."

Die Mutter als erster Spiegel

Für Töchter spielt speziell die Mutter darüber hinaus noch eine andere, besondere Rolle: Sie ist in der Regel der erste Spiegel, in dem ein Mädchen sich selbst betrachtet. Sie ist das Modell, das Vorbild, die Blaupause des Kindes für die erwachsene Frau, die es später selbst sein wird.

Und auch hier geht es wieder gar nicht nur um das, was die Mutter tatsächlich ausdrücklich sagt. Manchmal sind auch in diesem Zusammenhang die unausgesprochenen Botschaften sogar noch wichtiger: Eine Tochter, die beispielsweise erlebt, wie ihre Mutter sich selbst permanent kritisiert, lernt oft unbewusst dieselbe Haltung. Eine Mutter, die ihren eigenen Wert ausschließlich über Leistung definiert, vermittelt genau dieses Selbstbild häufig auch ihrer Tochter.

Wenn das Kind für die Erwachsenen funktionieren muss

Manche Frauen mit narzisstischen Strukturen erzählen auch von einer Kindheit, in der sie sehr früh gelernt haben, stark zu sein, vernünftig zu sein oder viel Verantwortung zu übernehmen. Vielleicht war ein Elternteil psychisch oder physisch krank, und das Mädchen wurde früh zur Helferin, Trösterin, Versorgerin. Vielleicht gab es ständig Konflikte und Probleme zwischen den Eltern, und das Mädchen fand sich oft zwischen den Fronten wieder - als Vermittlerin, als Beschwichtigerin, als Blitzableiter. Vielleicht gab es auch ein chronisch krankes oder behindertes Geschwisterkind, und das Mädchen musste deswegen früh zurückstecken, durfte keine Probleme machen oder Ansprüche stellen.

In all diesen Situationen entwickeln gerade sensible Kinder oft zwei gefährliche Glaubenssätze:

  1. Die Bedürfnisse anderer Menschen sind wichtiger als meine eigenen.

  2. Ich bekomme Anerkennung, wenn ich funktioniere.

Nach außen entstehen daraus häufig beeindruckende Fähigkeiten. Solche Frauen sind oft belastbar, verantwortungsbewusst und sehr einfühlsam - kein Wunder, dass sie von ihrem Umfeld oft sehr geschätzt werden. Innerlich kämpfen aber viele von ihnen immer mit dem Gefühl, nur dann wertvoll zu sein, wenn sie gebraucht werden.

Der Weg hinaus

Die gute Nachricht lautet: Solche Muster sind veränderbar - nicht über Nacht, dazu sitzen sie zu tief. Aber mit Geduld und Beharrlichkeit.

Vielen Frauen hilft es schon sehr, wenn sie zum ersten Mal verstehen, dass ihr ständiger Leistungsdruck, ihre Angst vor Fehlern oder ihr Bedürfnis nach Anerkennung nicht einfach Charaktereigenschaften sind. Sondern nachvollziehbare Antworten auf Erfahrungen, die sie früh gemacht haben. Denn wenn ein Mädchen jahrelang vermittelt bekommt, es sei nur dann wertvoll, wenn es stark, hilfreich, erfolgreich oder besonders sei, dann glaubt es das natürlich irgendwann. Gerade Überzeugungen, die wir als Kinder über uns gelernt haben, fühlen sich oft wie Wahrheiten an. Das sind sie aber nicht. Sie sind nur Geschichten. Geschichten, die wir von anderen lange erzählt bekommen haben und die wir uns mittlerweile selbst erzählen.

Aber jetzt sind wir erwachsen, und wir sind frei, die bisherige Geschichte, die bisherigen Regeln zu hinterfragen: Stimmt das alles eigentlich wirklich? Muss ich tatsächlich immer stark sein? Muss ich immer funktionieren? Muss ich immer gebraucht werden? Muss ich immer etwas leisten, um meinen Platz zu verdienen?

Viele Frauen in Therapien stellen überrascht fest, dass sie sich solche Fragen noch nie ernsthaft gestellt haben. Sie haben nämlich zwar ihr ganzes Leben damit verbracht, die ihnen eingebläuten Regeln zu erfüllen, sie aber nie überprüft.

Neue Beziehungserfahrungen können dabei helfen: Eine neue Freundschaft, in der man mal nicht immer die Starke sein muss. Eine Partnerschaft, in der man sich auch mal fallen lassen darf. Eine Therapeutin oder ein Coach, bei dem oder der man es riskieren kann, sich auch von seiner „dunklen“ Seite zu zeigen - und trotzdem Wertschätzung erfährt. Was in Beziehungen entstanden ist, kann deshalb tatsächlich auch in Beziehungen wieder korrigiert werden. Vielleicht - hoffentlich - verfestigt sich dann irgendwann die befreiende Erkenntnis in dieser Frau, dass sie sich ihren eigenen Wert nie hätte verdienen müssen. Und deshalb auch aufhören kann, ihn sich jeden Tag aufs Neue beweisen zu müssen.