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Das stille Leiden vieler leistungsstarker Menschen
Vernachlässigung Selbstverlust emotionale Anpassung

„Ich funktioniere - aber ich spüre mich nicht“ - Das stille Leiden vieler leistungsstarker Menschen

Felicitas Heyne
Felicitas Heyne

Vor einigen Wochen saß eine Klientin bei mir, bei der nach außen eigentlich alles stimmt: Seit fast zwanzig Jahren verheiratet, erfolgreich im Beruf. Engagierte Mutter. Fürsorgliche Tochter. Verlässliche Freundin und allzeit hilfsbereite Ehrenamtliche. Jemand, auf den sich alle immer verlassen können.

Und dann sagte sie: „Ich habe das Gefühl, ich funktioniere nur. Ich spüre mich selbst überhaupt nicht.“

Während unserer Gespräche wurde schnell deutlich: Diese Frau war nicht „zu empfindlich“, nicht undankbar und auch nicht psychisch instabil. Im Gegenteil. Sie hatte nur schon als Kind gelernt, sehr genau zu spüren, was andere von ihr brauchten. Sie war früh vernünftig, angepasst, leistungsbereit. Konflikte vermied sie lieber. Eigene Bedürfnisse? Eher schwierig. Gefühle, die ihr oder anderen unbequem hätten werden können - Wut, Enttäuschung, Neid oder Angst -, wurden schnell wegerklärt oder heruntergeschluckt.

Nach außen wirkte das alles lange wie Stärke. Innerlich kostete es sie enorme Kraft.

Wenn Funktionieren zur Identität wird

Die Psychologin und Psychoanalytikerin Alice Miller hat dieses Phänomen in ihrem berühmten Buch „Das Drama des begabten Kindes“ beschrieben. Mit „begabt“ meinte sie nicht hochbegabt im schulischen Sinn. Sie meinte Kinder, die früh eine besondere Fähigkeit entwickeln: Sie spüren sehr genau, was die Erwachsenen um sie herum brauchen: Ist Mama traurig? Ist Papa gereizt? Darf ich gerade wütend sein - oder wird das zu viel? Muss ich brav sein, stark sein, vernünftig sein, lustig sein, unkompliziert sein?

Besonders häufig entsteht dieses Muster in Familien, in denen Kinder emotional früh „mittragen“ müssen. Etwa, wenn ein Elternteil psychisch oder körperlich belastet ist, wenn es schwere Konflikte, Krankheit, Sucht, Überforderung oder Verluste in der Familie gibt. Auch Kinder, die mit einem chronisch kranken oder besonders betreuungsintensiven Geschwister aufwachsen, lernen oft sehr früh, ihre eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, um das fragile Gleichgewicht der Familie nicht zusätzlich zu belasten.

Im Sinne von Alice Miller „begabte Kinder“ entwickeln in solchen Situationen eine feine Antenne für Stimmungen und Erwartungen. Sie funktionieren, helfen, passen sich an, machen möglichst wenig Probleme. Von außen wirken sie oft erstaunlich stark und reif. Innerlich lernen sie jedoch häufig etwas Gefährliches: Dass die Gefühle und Bedürfnisse der anderen wichtiger sind als die eigenen.

Solche Kinder werden gern gelobt. „Du bist so pflegeleicht.“ „Du bist schon so vernünftig.“ „Auf dich kann man sich verlassen.“ Aber leider steckt hinter dieser frühen Reife oft kein besonders stabiles Selbst, sondern lediglich ein sehr kluges Anpassungsprogramm. Das Kind hat verinnerlicht: Wenn ich so bin, wie ich gebraucht werde, bin ich sicher. Wenn ich meine echten Gefühle zeige, wird es schwierig.

Und genau dort beginnt das Problem.

Das Kind lernt: So wie ich bin, bin ich falsch

Denn Kinder hören nicht auf zu fühlen, nur weil ihre Gefühle nicht willkommen sind. Sie lernen nur, sie zu verstecken. Vor anderen - und irgendwann auch vor sich selbst.

Sätze wie „Jetzt stell dich nicht so an“, „Das ist doch kein Grund zum Weinen“, „Sei nicht so empfindlich“ oder „Du musst doch nicht gleich wütend werden“ klingen im Alltag oft harmlos. Manchmal sind sie sogar gut gemeint. Eltern wollen trösten, beruhigen, erziehen, das Kind stark machen. Beim Kind kann aber etwas anderes ankommen: So, wie ich gerade bin, bin ich falsch.

Wenn das immer wieder passiert, verliert ein Kind nach und nach das Vertrauen in seine innere Wahrnehmung. Es fragt sich nicht mehr: Was fühle ich? Was brauche ich? Was stimmt für mich? Sondern: Was wird von mir erwartet? Wie muss ich sein, damit alles ruhig bleibt? Aus psychologischer Sicht ist das zunächst eine enorme Leistung. Ein Kind, das sich anpasst, schützt seine Bindung. Es sichert sich Nähe, Aufmerksamkeit, Zugehörigkeit. Das ist sinnvoll, denn für ein Kind ist die Beziehung zu den Eltern existenziell. Aber im Erwachsenenleben kann das zur Falle werden.

Dann sitzt da später eben genau so ein Mensch, der viel erreicht hat, aber kaum spürt, ob er das überhaupt wollte. Der für alle da ist, aber nicht weiß, was er selbst braucht. Der Konflikte meidet, bis der Körper Alarm schlägt. Der sich nach Nähe sehnt, aber seine echten Gefühle nur schwer zeigen kann. Der nach außen souverän wirkt und sich innerlich leer fühlt.

Der Preis der frühen Anpassung

Alice Miller sah in dieser frühen Anpassung eine tiefe seelische Notlage. Viele dieser Kinder wachsen in Familien auf, in denen für ihre eigenen Gefühle emotional kaum Platz ist - nicht aus Bosheit, sondern weil die Erwachsenen selbst zu belastet, überfordert, krank, traurig, instabil oder bedürftig sind. Das Kind spürt dann sehr genau: Ich darf jetzt kein zusätzliches Problem machen. Ich darf Mama nicht noch trauriger machen. Ich darf Papa nicht noch mehr belasten. Also beginnt es, die eigenen Gefühle zurückzustellen und stattdessen die emotionale Stimmung der Erwachsenen zu stabilisieren. Nicht mehr die Eltern kümmern sich emotional um das Kind, sondern umgekehrt.

Genau darin sah Miller die eigentliche Tragik. Denn ein Kind kann seine Wut, Angst oder Traurigkeit nicht einfach abschaffen. Es lernt nur, sie so tief wegzudrücken, dass irgendwann selbst der Kontakt zum eigenen inneren Erleben verloren geht. Dabei brauchen Kinder keine perfekten Eltern. Aber sie brauchen Erwachsene, bei denen sie mit ihren Gefühlen existieren dürfen, ohne sich dafür verantwortlich zu fühlen, was diese Gefühle bei Mama oder Papa auslösen.

Der Weg zurück zu sich selbst

Für meine Klientin ist es gerade einer der schwierigsten Schritte überhaupt, ihre Gefühle erstens wahrzunehmen, und zweitens nicht immer sofort zu hinterfragen oder zu relativieren. Nicht sofort zu sagen: „Das ist übertrieben.“ - „Das passt jetzt gerade nicht.“ - „Eigentlich ist es doch nicht so schlimm.“ Oder: „Andere haben es viel schwerer gehabt.“ Denn wie viele angepasste Menschen trägt sie die Überzeugung in sich: Ich darf meine Gefühle nur fühlen und ernst nehmen, wenn ich sie objektiv beweisen kann. Aber so funktionieren Gefühle natürlich nicht.

Für Erwachsene, die früh gelernt haben, sich selbst zu übergehen, beginnt Heilung deshalb mit der Bereitschaft, wieder Kontakt aufzunehmen zu dem, was lange verdrängt wurde. Eine einfache Frage kann dabei erstaunlich viel öffnen: „Was versuche ich gerade schon wieder nicht zu fühlen?“ Vielleicht ist da Wut über eine Kleinigkeit. Traurigkeit ohne erkennbaren Anlass. Neid, Erschöpfung, Enttäuschung, Angst. All diese Gefühle müssen nicht immer „berechtigt“ sein, um ernst genommen zu werden. Sie sind aber immer wichtige Hinweise. Manchmal führen sie in die Gegenwart. Manchmal in alte Erfahrungen. Manchmal zeigen sie nur, dass wir schon wieder dabei sind, über unsere Grenze zu gehen.

Gerade sehr angepasste, leistungsstarke Menschen sind es gewohnt, solche Hinweise zu ignorieren und sich stattdessen zu kontrollieren, sich zusammenzureißen. Aber das eigene Innenleben lässt sich nicht dauerhaft wegorganisieren. Irgendwann meldet es sich - als Erschöpfung, Gereiztheit, innere Leere, Schlafproblem, diffuse Unzufriedenheit oder das Gefühl, nur noch zu funktionieren. Meine Klientin sagte kürzlich: „Ich glaube, ich versuche gerade zum ersten Mal in meinem Leben herauszufinden, was eigentlich ich fühle - und nicht nur das, was alle anderen von mir brauchen.“

Der Weg aus diesem Muster heraus beginnt in kleinen Momenten: vor einer Entscheidung erst einmal kurz innehalten, den Körper spüren, eine ehrliche Antwort zulassen, nicht sofort lächeln, wenn einem nicht danach ist. Einen Satz sagen wie: „Ich merke gerade, dass mich das mehr trifft, als ich dachte.“ Oder: „Ich brauche einen Moment, um zu überlegen, was ich dazu wirklich sagen will.“

Das klingt wenig. Für Menschen, die ihr Leben lang auf Anpassung trainiert waren, ist es viel.

Sich aus solchen alten Mustern zu lösen, ist kein schneller Prozess. Wer jahrzehntelang gelernt hat, die eigenen Gefühle zu übergehen, kann das nicht von heute auf morgen abstellen. Es braucht viel Geduld, viele kleine Schritte und immer wieder auch viel Mut. Aber der Weg lohnt sich - immer. Weil man nämlich irgendwann damit aufhört, nur das Leben und die Gefühle der anderen zu leben und stattdessen endlich bei sich selbst ankommen darf.

 

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