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Weiblicher Narzissmus: Das Gefühl, nie genug zu sein
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Weiblicher Narzissmus: Das Gefühl, nie genug zu sein

Felicitas Heyne
Felicitas Heyne

Die wenigsten Frauen, die in meine Praxis kommen, halten sich für etwas Besseres. Ganz im Gegenteil: Sehr viele zweifeln an sich. Sie setzen sich unter Druck. Sie machen sich viele Gedanken darüber, wie sie auf andere wirken und ob sie den Erwartungen gerecht werden, die sie an sich selbst haben.

Manche sind beruflich sehr erfolgreich. Andere kümmern sich aufopferungsvoll um Familie, Partner oder Freunde. Wieder andere wirken nach außen stark und unabhängig. Und trotzdem begleitet diese Frauen das Gefühl: Es reicht nie ganz.

Kaum ist ein Ziel erreicht, wartet schon das nächste. Kaum gibt es Lob oder Anerkennung, verfliegt das gute Gefühl wieder. Fehler werden lange erinnert. Erfolge dagegen schnell relativiert oder abgewertet („Das war nur Glück.“ - „Das hätte jede andere auch gekonnt.“ - „Ja, diesmal war ich ganz gut, aber …“) Denn hinter all ihrem Bemühen quält sie ständig die bohrende Frage: Bin ich eigentlich genug?

Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum weiblicher Narzissmus so häufig übersehen wird. Denn mit dem lauten, selbstverliebten Bild, das die meisten Menschen von Narzissmus haben, scheint er zunächst wenig gemeinsam zu haben.

Warum weiblicher Narzissmus oft so schwer zu erkennen ist

Die meisten Menschen verbinden Narzissmus mit Selbstüberschätzung. Mit Menschen, die sich in den Mittelpunkt drängen, ständig Aufmerksamkeit suchen oder sich für wichtiger halten als andere.

Genau deshalb wird die weibliche Variante häufig übersehen. Denn viele betroffene Frauen leiden nicht an einem Mangel an Selbstkritik, sondern eher an einem Übermaß davon. Sie hinterfragen sich ständig, analysieren Gespräche nachträglich, vergleichen sich mit anderen und reagieren oft sehr empfindlich auf Kritik oder Ablehnung.

Das wirkt zunächst natürlich wie das komplette Gegenteil von Narzissmus. Tatsächlich kreisen die Gedanken jedoch in beiden Fällen oft um dieselben Themen: Wie wirke ich auf andere? Habe ich etwas falsch gemacht? Reiche ich aus? Werde ich gesehen und anerkannt?

Der entscheidende Unterschied zu einem gesunden Selbstwertgefühl besteht immer darin, dass bei Menschen mit narzisstischem Muster das eigene Selbstbild kaum von innen heraus stabilisiert wird. Es bleibt stark davon abhängig, wie andere reagieren, wie erfolgreich man gerade ist oder ob man den eigenen hohen Ansprüchen genügt.

Das geheime Lebensmotto: „Ich bin nur wertvoll, wenn ...“

Wer genauer hinsieht, entdeckt bei vielen Frauen mit narzisstischen Mustern einen inneren Glaubenssatz, der sich wie ein roter Faden durch ihr Leben zieht. Er lautet selten wörtlich so. Und doch bestimmt er oft erstaunlich viele Entscheidungen:

Ich bin nur wertvoll, wenn ...

... ich alles richtig mache.

... ich gebraucht werde.

... ich erfolgreich bin.

... ich attraktiv wirke.

... andere mich bewundern.

... niemand enttäuscht von mir ist.

Das Problem dabei ist überhaupt nicht, dass einem solche Dinge wichtig sind. Natürlich möchten die meisten von uns Anerkennung bekommen, geliebt werden oder etwas erreichen. Schwierig wird es erst dann, wenn diese Dinge zur wichtigsten Quelle des eigenen Selbstwertes werden. Dann wird aus Erfolg eine (Lebens-)Notwendigkeit. Aus Anerkennung ein emotionales Grundnahrungsmittel. Und aus jedem Fehler eine existenzielle Bedrohung für das eigene Selbstbild.

So entsteht eine innere Anspannung, die viele dieser Frauen über Jahre oder sogar Jahrzehnte begleitet. Nicht weil diese Frauen besonders anspruchsvoll oder eitel wären. Sondern weil sie ständig versuchen, sich selbst etwas zu beweisen, das sich auf diese Weise nie dauerhaft beweisen lässt.

Nicht jede Frau, die sich nach Anerkennung sehnt oder hohe Ansprüche an sich selbst hat, ist deshalb narzisstisch. Solche Eigenschaften finden sich auch bei vielen Menschen ohne jede narzisstische Problematik. Entscheidend ist, welche Rolle sie für das eigene Selbstwertgefühl spielen.

Warum es nie wirklich reicht

Das größte Missverständnis über Narzissmus besteht vermutlich in der verbreiteten Vorstellung, alle narzisstischen Menschen würden sich selbst zu sehr lieben. Psychologisch betrachtet ist - gerade bei Frauen - häufig eher das Gegenteil der Fall: Hinter vielen narzisstischen Mustern steckt kein stabiles Gefühl von Selbstwert, sondern die ständige Sorge, nicht zu genügen. Nicht erfolgreich genug. Nicht liebenswert genug. Nicht besonders genug. Nicht wichtig genug.

Die Jagd nach Anerkennung, Perfektion oder Bewunderung wird dann zu einem Versuch, genau dieses schmerzhafte Gefühl auf Abstand zu halten. Das kann eine Zeit lang sogar funktionieren. Ein Erfolg macht stolz. Ein Kompliment tut gut. Eine Beförderung, eine Auszeichnung oder die Anerkennung anderer schenken kurzfristig Sicherheit. Das Problem ist nur: Dieses Gefühl hält selten lange an.

Wer seinen Wert ständig beweisen muss, kann nie wirklich ankommen. Jeder Erfolg schafft nur für eine Weile Erleichterung. Jedes Lob wirkt nur auf Zeit. Und selbst die liebevollste Beziehung gerät irgendwann unter Druck, wenn sie dauerhaft die Aufgabe übernehmen soll, die eigenen Selbstzweifel zu beruhigen. Viele Frauen mit solchen Mustern erleben ihr Leben deshalb wie einen nie endenden Kreislauf: Sie strengen sich an, erreichen etwas, fühlen sich kurz besser - und stehen wenig später wieder am selben Punkt. Nicht weil sie undankbar oder übermäßig ehrgeizig wären. Sondern weil sie mit Mitteln nach innerer Sicherheit suchen, die diese Sicherheit auf Dauer nicht geben können.

Vielleicht ist genau das der größte Schmerz hinter vielen narzisstischen Mustern: dass man sein Leben lang nach einem Gefühl sucht, das andere Menschen scheinbar ganz selbstverständlich besitzen - das Gefühl, auch ohne besondere Leistungen, Anerkennung oder Bewunderung in Ordnung zu sein.

Der Weg hinaus

Die gute Nachricht ist: Solche Muster sind kein unveränderliches Schicksal. Wie jedes Denk- und Verhaltensmuster verliert auch dieses nämlich sofort an Macht über uns, wenn wir uns seiner bewusst werden und es nicht länger im Verborgenen wirken kann. Der erste Schritt ist deshalb schon damit getan, die eigene innere Logik überhaupt zu erkennen. Zu verstehen, wie eng das Gefühl für den eigenen Wert mit Leistung, Anerkennung oder Bewunderung verknüpft ist. Und zu bemerken, wie oft man sich selbst unbewusst die Botschaft sendet: Erst wenn ich dieses Ziel erreicht habe, diese Anerkennung bekomme oder diesen Fehler vermeide, darf ich mit mir zufrieden sein.

Echte Veränderung beginnt dann oft dort, wo wir lernen, diese alten inneren Gleichungen langsam infrage zu stellen. Vielleicht, indem wir uns nach einem gelungenen Projekt eben mal nicht sofort fragen: „Und was kommt als Nächstes?“, sondern uns erlauben zu denken (und zu fühlen!): „Das habe ich wirklich gut gemacht.“ Oder dort, wo wir Kritik nicht mehr automatisch übersetzen in: „Mit mir stimmt etwas nicht“, sondern in: „Da ist also etwas, das jemand an meinem Verhalten, meiner Entscheidung oder meiner Arbeit anders sieht.“ Oder dort, wo wir ein Lob nicht sofort reflexhaft wegwischen mit Gedanken wie: „So besonders war das doch gar nicht“, sondern uns fragen: „Wow, was, wenn das tatsächlich stimmt?“

Das Ziel besteht gar nicht darin, weniger ehrgeizig, weniger engagiert oder weniger leistungsbereit zu werden. Es geht vielmehr darum, dass Erfolg, Anerkennung und Leistung ihren Platz verändern dürfen: weg von der Grundlage des eigenen Selbstwerts und hin zu Dingen, die das Leben bereichern können, aber nicht mehr darüber entscheiden, wie wertvoll wir uns fühlen.

Und im besten Fall führt die Veränderung dann auch dazu, dass wir uns langsam von der Vorstellung verabschieden, unseren Wert immer wieder neu beweisen zu müssen.

Wo wir erkennen, dass der Wunsch nach Anerkennung zwar menschlich ist, unser Selbstwert aber nicht davon abhängen sollte. Und wo wir uns erlauben, eine Möglichkeit überhaupt in Betracht zu ziehen, die vielen Frauen mit narzisstischen Mustern zunächst fast unvorstellbar erscheint: Dass wir auch dann in Ordnung und wertvoll sein könnten, wenn wir gerade niemanden beeindrucken, nichts Besonderes leisten und nicht die Erwartungen aller anderen erfüllen.

Wie solche verdeckten narzisstischen Muster überhaupt entstehen, ist übrigens eine spannende Frage. Denn natürlich kommt keine Frau mit dem Gefühl auf die Welt, ihren eigenen Wert ständig beweisen zu müssen. Die Wurzeln reichen oft weit zurück und haben nicht selten mit frühen Beziehungserfahrungen zu tun - insbesondere mit den Botschaften, die wir als Kinder über Leistung, Anerkennung, Liebe und Zugehörigkeit gelernt haben.

Genau darum wird es im zweiten Teil dieser Reihe gehen.

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