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Achtsamkeit Selbstfürsorge Aufmerksamkeit

Warum wir unseren Urlaub manchmal durch das Handy verpassen

Felicitas Heyne
Felicitas Heyne

Vergangene Woche war ich mit einer lieben Freundin für drei Tage im Schwarzwald. Einfach mal raus. Wellness, Spaziergänge, gutes Essen, ganz viel Zeit zum Reden.

Natürlich habe ich während dieser Tage auch Fotos gemacht. Aber erstaunlich wenige. Noch erstaunlicher: Ich habe keines davon sofort verschickt oder in den Status oder auf Social Media gestellt. Und das lag definitiv nicht daran, dass darunter keine schönen Motive gewesen wären. Mir war einfach irgendwie bloß nicht danach.

Erst auf der Heimfahrt ist mir richtig aufgefallen, wie gut mir das getan hatte. Ich hatte im Nachhinein das Gefühl, diese drei Tage dadurch intensiver erlebt zu haben als manche längere Reise. Natürlich nicht, weil der Schwarzwald spektakulärer gewesen wäre als andere Urlaubsziele. Sondern weil meine Aufmerksamkeit viel häufiger dort geblieben war, wo ich tatsächlich gerade war: beim Gespräch, beim Blick über die Berge, beim Duft der Tannen und reifen Blaubeeren oder einfach bei der angenehmen Ruhe, die sich nach zwei Tagen plötzlich eingestellt hatte.

Das hat mich zum Nachdenken gebracht.

Denn natürlich fotografiere auch ich sehr gerne. Fotos sind wunderbare Erinnerungen. Sie holen längst vergangene Momente wieder zurück. Manchmal genügt ein einziges Bild, und plötzlich erinnert man sich wieder an den Geruch des Meeres, das Stimmengewirr in einer kleinen Altstadt oder den Geschmack eines Essens, das man bis heute nicht vergessen hat.

Wie sich unser Fotografieren verändert hat

Trotzdem frage ich mich, ob sich in den letzten zwanzig oder dreißig Jahren hier nicht etwas Grundsätzliches verändert hat.

Als ich jung war, hatten wir im Urlaub meistens zwei oder drei Filme dabei. Auf jeden Film passten 36 Bilder. Filme kosteten nicht wenig Geld, das Entwickeln der Abzüge später auch noch mal ganz schön. Also überlegte man sich jedes Mal ziemlich genau, welches Motiv man wirklich festhalten wollte. Kein Mensch machte zehn Aufnahmen desselben Sonnenuntergangs, nur um anschließend die schönste auszuwählen. (Und soweit ich mich erinnere, fotografierte auch so gut wie niemand sein Abendessen!)

Vor allem aber machten wir Fotos fast ausschließlich für uns selbst. Vielleicht zeigten wir sie später einmal Freunden oder der Familie. Vielleicht luden wir sogar zu einem Diaabend ein (ehrlich gesagt: oft sehr zum Leidwesen der armen Gäste!) . Aber während des Urlaubs spielte all das kaum eine Rolle. Es ging nur darum, Erinnerungen mit nach Hause zu nehmen.

Heute tragen wir eine Kamera mit praktisch unbegrenztem Speicherplatz ständig bei uns. Wir können unendlich viele Bilder mit dem Handy machen, sie sofort bearbeiten, verschicken oder mit wenigen Klicks öffentlich teilen. Das ist in vieler Hinsicht ein großer Gewinn. Ich möchte diese Möglichkeiten natürlich auch nicht mehr missen.

Und doch hat sich dadurch etwas verändert, das auf den ersten Blick gar nicht so offensichtlich ist. Denn vielleicht fotografieren wir heute nicht einfach nur mehr. Vielleicht fotografieren wir auch mit einem anderen inneren Auftrag. Früher wollten wir einen schönen Moment festhalten - heute denken wir oft schon während des Erlebens daran, wie dieser Moment später auf irgendeinem Bildschirm aussehen wird.

Psychologisch betrachtet sitzt dann plötzlich ein zusätzlicher Beobachter mit am Tisch. Er schaut mit uns auf den Sonnenuntergang, auf das Café am Marktplatz oder auf den liebevoll angerichteten Teller im Restaurant. Aber er erlebt den Moment nicht einfach mit - vor allem bewertet er ihn auch sofort: "Das wäre ein schönes Foto.“ - „Welchen Ausschnitt nehme ich?“ - „Das könnte ich nachher gleich in meinen Status stellen.“ - „Das wird meinen Freunden gefallen.“ - Oder manchmal auch: „So was in der Art sieht man ja ständig - wie kann ich mein Foto irgendwie außergewöhnlicher machen?“ Und all diese Überlegungen führen dazu, dass wir den Moment eben nicht mehr nur unmittelbar erleben. Stattdessen erleben wir ihn gleichzeitig schon durch die Augen unseres späteren Publikums - selbst wenn dieses Publikum nur aus einer Handvoll Freunden oder Familienmitgliedern besteht.

Solche Gedanken sind normal. Aber sie binden Aufmerksamkeit. Ein Teil unseres Erlebens richtet sich dadurch nicht mehr auf den Augenblick selbst, sondern darauf, wie dieser Augenblick später auf andere wirken wird.

Erinnerungen entstehen nicht auf dem Display

Wenn wir uns viele Jahre später an einen Urlaub erinnern, tauchen oft zuerst Bilder vor unserem inneren Auge auf. Daraus könnte man leicht schließen, dass Erinnerungen vor allem aus Bildern bestehen. Tatsächlich arbeitet unser Gedächtnis aber ganz anders.

Was einen Urlaub später lebendig macht, ist nicht nur die Landschaft, die wir fotografiert haben. Es sind die vielen verschiedenen Sinneseindrücke und auch die Gefühle, die mit einem Ort verbunden waren. Die warme Abendluft auf der Haut. Der Duft der Pinien nach einem Sommerregen. Die Straßenmusik in einer kleinen italienischen Gasse. Der Geschmack eines Weins, den wir bis dahin noch nie probiert hatten. Das Lachen über eine völlig belanglose Situation. Oder dieser eine Moment, in dem man plötzlich dachte: Jetzt bin ich wirklich rundum zufrieden und entspannt.

Unser Gehirn speichert Erlebnisse nämlich eben nicht wie eine Kamera. Es speichert Erfahrungen.

Aufmerksamkeit lässt sich nicht vervielfachen

Und damit unser Gehirn einen Moment wirklich als Erinnerung abspeichern kann, braucht es vor allem eines: Aufmerksamkeit.

Das klingt zunächst selbstverständlich. Tatsächlich aber versuchen wir heute oft, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Wir möchten einen Sonnenuntergang genießen, gleichzeitig den perfekten Bildausschnitt finden, vielleicht noch überlegen, welche Aufnahme am schönsten wirkt oder wem wir sie später schicken. Unser Gehirn kann all das zwar erstaunlich gut koordinieren. Aber es kann seine Aufmerksamkeit nicht beliebig vervielfachen. Alles, worauf wir sie richten, bekommt ein Stück davon. Und genau deshalb bleibt dann etwas weniger Aufmerksamkeit für den eigentlichen Augenblick übrig.

Dass das keine bloße Vermutung ist, zeigen auch psychologische Studien. Forschende haben festgestellt, dass sich Menschen an fotografierte Objekte später mitunter schlechter erinnern als an solche, die sie einfach nur betrachtet haben. Dieses Phänomen wird als Photo-Taking Impairment Effect bezeichnet. Die Erklärung dafür ist verblüffend einfach: Wer vor allem damit beschäftigt ist, etwas möglichst gut festzuhalten, verarbeitet den erlebten Moment oft weniger intensiv.

Vielleicht kennen Sie das so ähnlich ja auch von Konzerten: Vor Ihnen stehen plötzlich Dutzende Menschen mit hochgehaltenen Smartphones. Alle möchten genau diesen einen Song mitfilmen. Da drängt sich einem schon mal die Frage auf, wie viele dieser Menschen gerade eigentlich noch auf die Bühne schauen - und wie viele vor allem auf ihren Bildschirm? Und wer davon hat jetzt vermutlich das intensivere Live-Erlebnis, das man sich von einem solchen Konzert doch hauptsächlich erwartet?

Bei einem Konzert beobachten wir dieses Verhalten leicht bei anderen. Im Urlaub bemerken wir oft gar nicht, dass wir selbst gerade etwas ganz Ähnliches machen.

Warum fotografieren wir eigentlich?

Natürlich, weil wir Erinnerungen bewahren möchten. Aber oft steckt noch mehr dahinter. Ein Foto sagt nicht nur: „Ich war hier.“ Es sagt auch: „Dieser Moment war besonders.“ Indem wir ein Bild machen, geben wir einem Augenblick Bedeutung. Wir halten ihn fest, wir möchten ihn nicht verlieren. Das ist etwas sehr Menschliches.

Und natürlich möchten wir das Schöne oft nicht nur selbst erleben, sondern auch zeigen. Nicht, um damit anzugeben, sondern weil wir Freude teilen möchten. Weil wir andere teilhaben lassen wollen, und weil wir hoffen, dass unsere Begeisterung ein Stück auf sie überspringt.

Auch daran ist zunächst überhaupt nichts falsch. Schwierig wird all das erst dann, wenn das Teilen wichtiger wird als das Erleben.

Kleine Experimente für den nächsten Urlaub

Vielleicht haben Sie jetzt ja Lust bekommen, einmal selbst auszuprobieren, wie sich Ihr Urlaub verändert, wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit diesmal ein wenig anders verteilen. Nicht als Regel, eher als kleines Experiment.

Gönnen Sie einem schönen Moment zunächst eine Minute ganz ohne Handy. Schauen Sie sich um. Hören Sie hin. Nehmen Sie wahr, was Sie riechen, hören oder fühlen. Erst danach greifen Sie zur Kamera. Sie werden überrascht sein, wie viel intensiver sich dieser eine Moment anfühlt.

Fragen Sie sich gelegentlich: Für wen mache ich dieses Foto gerade? Für mich? Weil ich mich später daran erinnern möchte? Oder denke ich gerade schon daran, wem ich es zeigen will und wie es auf andere wirken wird? Allein diese kleine Frage verändert oft schon die eigene Aufmerksamkeit.

Trauen Sie sich vielleicht auch mal, weniger Fotos zu machen. Vertrauen Sie darauf, dass Sie intuitiv die richtigen Momente dafür erwischen werden. Denn je mehr Fotos wir machen, desto schwieriger fällt uns später oft die Auswahl. Ausgerechnet der Versuch, möglichst viel festzuhalten, kann letztendlich dazu führen, dass einzelne Erinnerungen in der Masse untergehen. Und vielleicht erzählen fünf wirklich ganz bewusst ausgewählte Bilder Ihren Urlaub später dann sogar besser als zweihundert Aufnahmen, die Sie sich nie wieder anschauen.

Lassen Sie einzelne Zeiten Ihres Urlaubs doch mal ganz fotofrei: Das entspannte Frühstück auf der Terrasse. Den ersten Spaziergang am Morgen. Den letzten Abend am Meer. Nicht, weil Handys dort nichts verloren hätten, sondern weil manche Erinnerungen vielleicht sogar besonders schön werden, wenn sie nur Ihnen gehören.

Manchmal lohnt es sich aber auch, genau das Gegenteil zu tun

Ich will mit all dem übrigens auf gar keinen Fall suggerieren, Fotografieren sei grundsätzlich etwas Schlechtes. Im Gegenteil! Fotografieren kann unseren Blick sogar schärfen. Wer sich Zeit nimmt, genau hinzusehen, entdeckt oft Details, die er sonst übersehen hätte. Vielleicht fällt Ihnen dadurch erst plötzlich das Lichtspiel zwischen den Bäumen auf, die Struktur einer alten Holztür oder eine kleine Blüte am Wegesrand, an der Sie sonst achtlos vorbeigegangen wären. Wenn Fotografieren dazu führt, dass wir genauer hinschauen, bewusster beobachten und uns wirklich mit einem Motiv beschäftigen, bereichert es den Moment sogar. Der Unterschied liegt also nicht darin, ob wir fotografieren. Sondern darin, wie.

Als ich aus dem Schwarzwald nach Hause kam, hatte ich deutlich weniger Fotos auf meinem Handy, als nach vielen anderen Reisen. Aber ich hatte das Gefühl, für mich persönlich sehr viel mehr mitgebracht zu haben. Und daraus will ich an dieser Stelle gar keine neuen Regeln ableiten, nicht für handyfreie Urlaube plädieren und schon ganz sicher niemandem ein schlechtes Gewissen beim Fotografieren einreden. Ich will Ihnen nur ganz kurz eine Sache in Erinnerung rufen: Nicht jedes schöne Erlebnis muss sofort zu einem schönen Bild werden. Manche Momente tragen wir gerade deshalb ein Leben lang in uns, weil wir sie nicht gefiltert durch einen Bildschirm erlebt haben, sondern ganz unmittelbar und intensiv.

 

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