Warum das Urlaubsgefühl so schnell wieder verschwindet
An diesem Wochenende gehen auch in den letzten beiden Bundesländern die Sommerferien zu Ende. Für viele liegt der Urlaub schon wieder hinter ihnen. Für mich übrigens auch. Nach einer kleinen Sommerpause sitze ich seit zwei Wochen wieder am Schreibtisch. Und stelle gerade fest, dass das Urlaubsgefühl bei mir doch recht schnell wieder verschwunden ist.
Wahrscheinlich kennen das viele: Im Urlaub ist plötzlich alles anders. Wir müssen morgens keinen Wecker stellen. Das Frühstück darf länger dauern. Wir schlendern durch kleine Gassen, ohne auf die Uhr zu schauen, oder sitzen einfach auf einem Balkon und blicken müßig aufs Meer hinaus. Und irgendwann blitzt dann vielleicht dieser Gedanke auf: "Eigentlich möchte ich viel mehr davon."
Doch sind wir wieder zu Hause, verschwindet der Gedanke oft erstaunlich schnell. Kaum ist der Koffer ausgepackt und die erste Waschmaschine angestellt, quillt auch schon das E-Mail-Postfach über und der Kalender erinnert an die nächsten Termine. Und plötzlich fühlt es sich an, als läge der Urlaub nicht ein paar Tage, sondern schon Wochen zurück. Dann drängt sich einem natürlich rasch die Frage auf, warum die Erholung so schnell wieder verpufft. War der Urlaub vielleicht doch nicht lang genug? Hätte man noch eine Woche dranhängen sollen?
Allerdings glaube ich, dass das an dieser Stelle die falsche Frage wäre. Viel spannender ist doch: Warum kehren wir nach dem Urlaub so schnell wieder zu genau den Gewohnheiten zurück, von denen wir uns vorher eigentlich erholen mussten?
Im Urlaub leben wir anders
Wenn wir verreisen, verändert sich ja viel mehr als nur unser Aufenthaltsort. Unser Tagesrhythmus verändert sich mit. Viele schlafen länger und oft auch tiefer. Das Frühstück darf plötzlich eine Stunde dauern, wir verbringen mehr Zeit draußen und laufen bei Besichtigungen oder Städtetouren ganz selbstverständlich zehn oder fünfzehn Kilometer am Tag, ohne das überhaupt als Sport zu empfinden. Vor allem aber schauen wir für eine Weile mal nicht ständig auf Termine, Verpflichtungen und To-do-Listen.
Viele Belastungen unseres Alltags spielen sich vor allem in unserem Kopf ab. Unsere Gedanken kreisen ja in der Regel schon beim Frühstück darum, was heute alles erledigt werden muss. Im Urlaub tritt dieses innere Dauerprogramm für eine Weile in den Hintergrund. Stattdessen beschäftigen wir uns wieder intensiv und konzentriert mit dem, was unmittelbar vor uns liegt: Wir trinken den Kaffee, ohne nebenbei Mails zu lesen. Wir hören bewusst dem Meeresrauschen zu. Wir genießen die Sonne auf der Haut, statt schon an die nächste Unternehmung zu denken. Kurz: Unsere Aufmerksamkeit richtet sich wieder stärker auf das Hier und Jetzt.
Vielleicht kennen Sie ja die alte Geschichte von dem Mönch, der gefragt wurde, warum er trotz seiner vielen Aufgaben immer so gelassen wirke. Seine Antwort lautete: „Wenn ich esse, dann esse ich. Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich arbeite, dann arbeite ich.“ Seine Zuhörer wunderten sich darüber. Das täten sie schließlich auch. Der Mönch widersprach: „Nein. Wenn ihr esst, seid ihr in Gedanken schon beim nächsten Termin. Wenn ihr geht, seid ihr in Gedanken längst am Ziel angekommen.“
Ich finde, diese kleine Geschichte beschreibt ziemlich gut, was gute Erholung oft ausmacht: Nicht unbedingt, dass wir weniger tun. Sondern dass wir häufiger wirklich ganz und gar bei dem sind, was wir gerade tun.
Warum der Alltag uns so schnell wieder hat
Dass das Urlaubsgefühl nach der Rückkehr oft so schnell verblasst, hat noch einen zweiten Grund: Unser Gehirn liebt Gewohnheiten. Alles, was wir Tag für Tag in derselben Umgebung tun, läuft irgendwann weitgehend automatisch ab. Wir müssen morgens nicht groß darüber nachdenken, wann wir duschen, wo die Kaffeetasse steht oder in welcher Reihenfolge wir unsere Mails öffnen. Unser Alltag besteht - wenn man mal bewusst drauf achtet - zu einem erstaunlich großen Teil aus solchen eingespielten Routinen.
Im Urlaub werden diese Automatismen dann für eine Weile unterbrochen. Wir wachen in einem anderen Zimmer auf, gehen ganz andere Wege, entdecken Neues und müssen ja auch ständig kleinere und größere Entscheidungen treffen. Genau das macht Reisen oft so anregend. Unser Gehirn schaltet gewissermaßen wieder in den Entdeckermodus.
Zu Hause warten dann nicht nur unsere vertrauten vier Wände auf uns - es warten auch alle unsere vertrauten Gewohnheiten. Kaum sitzen wir wieder am Schreibtisch oder betreten die Küche, laufen viele alltägliche Abläufe wie von selbst wieder an. Denn dafür ist unser Gehirn gemacht: Es spart Energie, indem es Bekanntes automatisiert. Genau deshalb ist es so schwer, das Urlaubsgefühl über den Urlaub hinaus festzuhalten. Wir kommen nicht nur nach Hause zurück, sondern auch in unsere alten Routinen.
Ein Urlaub kann uns Erholung schenken, er kann uns Abstand verschaffen und unseren Blick weiten. Aber was er nicht kann, ist: unser Leben zu Hause verändern. Das können am Ende nur wir selbst.
Die wichtigste Frage nach dem Urlaub lautet also nicht: „War's schön?"
Wichtiger finde ich die Frage: Was genau hat mir im Urlaub eigentlich so gut getan?
Interessanterweise antworten die wenigsten Menschen darauf: das Hotel, der Pool oder das Vier-Gänge-Menü. Viel öfter nennen sie Dinge, die eher unspektakulär sind:
„Dass morgens nach dem Aufstehen erst mal niemand etwas von mir wollte.“
„Dass ich bloß einmal morgens und einmal abends aufs Handy geschaut habe.“
„Dass wir immer nach dem Abendessen noch eine Runde spazieren gegangen sind.“
„Dass mein Mann und ich endlich einmal wieder in Ruhe über andere Sachen als Alltagskram reden konnten.“
Und genau darin steckt oft der eigentliche Schatz eines Urlaubs. Denn vieles von dem, was uns dort so gut tut, ist gar nicht untrennbar mit einem bestimmten Ort verbunden. Wir brauchen dafür im Grunde weder das Meer noch die Berge. Oft sind es einfach nur kleine Gewohnheiten, die wir im Urlaub plötzlich ganz selbstverständlich leben - und zu Hause leider erstaunlich schnell wieder aufgeben.
Deshalb lohnt es sich, sich nach jeder Reise nicht nur die Urlaubsfotos anzuschauen, sondern sich zu fragen: Welche eine kleine Urlaubsgewohnheit möchte ich diesmal mit nach Hause nehmen? Nicht als guten Vorsatz für den Rest des Lebens. Nur für die nächste Woche.
Kleine Veränderungen haben oft die größte Wirkung
Denn genau an dieser Stelle machen viele Menschen einen Fehler, den ich gut verstehen kann: Sie kommen erholt aus ihrem Urlaub zurück und nehmen sich hoch motiviert vor, ab jetzt aber auch wirklich grundsätzlich alles anders zu machen! Ab sofort weniger Stress, mehr Zeit für mich, gesünder essen, mehr Bewegung, früher ins Bett, weniger Handy …!
Solche Vorsätze scheitern dann in den meisten Fällen ziemlich schnell - einfach, weil sie zu viel auf einmal von uns verlangen. Unser Gehirn mag Veränderungen. Aber es mag sie in kleinen Portionen.
Probieren Sie beim nächsten Urlaub doch einmal Folgendes: Suchen Sie sich nur eine einzige Urlaubsgewohnheit aus, die Ihnen dort gut getan hat. Und diese führen Sie dann bewusst noch ein paar Wochen weiter: Vielleicht trinken Sie den ersten Kaffee des Tages künftig nicht mehr zwischen Tür und Angel, sondern ganz in Ruhe auf dem Balkon oder am Küchentisch. Vielleicht deponieren Sie Ihr Handy während des Abendessens ganz bewusst in einem anderen Zimmer. Oder Sie behalten Ihren kleinen Abendspaziergang aus dem Urlaub auch daheim bei.
Das sind alles keine großen Veränderungen. Aber manchmal reichen genau solche kleinen Rituale schon aus, damit sich nicht sofort das Gefühl einstellt: „Der Urlaub ist schon wieder vorbei.“ Sondern eher: „Ein kleines Stück Urlaub ist mit nach Hause gekommen.“
Statt nach dem Urlaub krampfhaft am Urlaubsgefühl festzuhalten (was ohnehin nicht funktioniert), finde ich es viel sinnvoller, wenn wir uns fragen, was wir im Urlaub über uns selbst gelernt haben: Was hat mir gut getan? Was möchte ich davon nicht gleich wieder verlieren? Was könnte auch in meinem normalen Alltag ein Plätzchen finden?
Jeder Urlaub geht zu Ende. Aber nicht alles, was uns am Urlaub gut getan hat, muss mit ihm enden.
