Was uns die Herbstmelancholie erzählt
Es gibt diese Tage im Herbst, an denen sich bei vielen von uns eine merkwürdige Wehmut einschleicht. Draußen leuchten die Bäume in den schönsten Farben, die Luft ist angenehm frisch, und eigentlich gibt es überhaupt keinen Grund, traurig zu sein. Trotzdem liegt in diesen Wochen manchmal eine leise Melancholie über allem. Vielleicht ist es der Anblick der ersten kahlen Äste, vielleicht die frühe Dämmerung oder der Geruch von feuchtem Laub, der dieses Gefühl auslöst. Der Sommer ist vorbei, das Jahr geht langsam seinem Ende entgegen, und mit einem Mal werden uns Dinge bewusst, über die wir sonst kaum nachdenken: wie schnell die Zeit vergeht, was sich in unserem Leben verändert hat, was (oder auch wen) wir vermissen. Und manchmal ist da einfach nur dieses etwas wehmütige Gefühl, von dem wir gar nicht so genau sagen könnten, woher es eigentlich kommt.
Dabei muss man den Sommer gar nicht besonders vermissen, um solche Gefühle zu erleben. Gerade nach den langen, oft intensiven Hitzeperioden in diesem Jahr freuen sich wahrscheinlich sogar mehr Menschen als sonst auf kühlere Temperaturen und gemütliche Abende zu Hause. Trotzdem hat der Herbst etwas an sich, das uns nachdenklich stimmen kann: Wir erleben unmittelbar mit, wie die Natur sich verändert, wie die Blätter fallen und die Tage kürzer werden. Natürlich wissen wir, dass im nächsten Frühjahr alles wieder grünt. Aber der Anblick dieser Veränderungen kann etwas in uns anrühren, das über die Jahreszeit selbst hinausgeht.
Warum der Herbst Erinnerungen weckt
Dass uns bestimmte Jahreszeiten melancholisch stimmen können, hat auch mit der Arbeitsweise unseres sogenannten autobiografischen Gedächtnisses zu tun. Darin sind unsere persönlichen Lebenserfahrungen gespeichert, und zwar nicht einfach wie Fotos, die wir bei Bedarf hervorholen. Vielmehr sind diese Erinnerungen eng mit Gefühlen, Gerüchen, Geräuschen und anderen Sinneseindrücken verknüpft. Deshalb kann uns der Duft von frisch gemähtem Gras plötzlich in die Sommerferien unserer Kindheit zurückversetzen. Oder ein bestimmtes Lied erinnert uns unvermittelt an einen Menschen, den wir schon lange nicht mehr gesehen haben. Solche Erinnerungen tauchen oft ganz von selbst auf, ohne dass wir bewusst danach gesucht hätten.
Mit dem Herbst ist es ähnlich. Der Geruch von feuchter Erde, das Rascheln der Blätter unter unseren Füßen oder die besondere Stimmung eines nebligen Morgens können Erinnerungen an frühere Herbste wachrufen. Vielleicht an den ersten Schultag, an Spaziergänge mit den Großeltern, an einen Umzug oder eine Trennung. Welche Gefühle dabei entstehen, hängt natürlich stark von unseren persönlichen Erfahrungen ab. Für manche Menschen ist der Herbst deshalb vor allem mit Geborgenheit und schönen Erinnerungen verbunden, für andere eher mit Abschied oder Einsamkeit.
Hinzu kommt, dass wir den Herbst nicht nur durch unsere eigenen Erfahrungen betrachten. Auch kulturell ist er in unseren Breitengraden seit Jahrtausenden mit bestimmten Vorstellungen verbunden. In Gedichten, Geschichten und Bildern steht der Frühling häufig für Aufbruch und Neubeginn, der Herbst dagegen für Reife, Abschied und Vergänglichkeit. Und das hat durchaus handfeste Gründe. Schließlich haben unsere Vorfahren nicht in zentralgeheizten, elektrifizierten Wohnungen gelebt, in denen der Kühlschrank zu jeder Jahreszeit gut gefüllt war. Für sie bedeutete der Herbst vielmehr, Vorräte anzulegen und sich auf die entbehrungsreichen Wintermonate vorzubereiten. Das Ende der warmen Jahreszeit war also keineswegs nur eine atmosphärische Veränderung, sondern konnte ganz konkrete Sorgen und Ängste mit sich bringen. Über viele Generationen hinweg haben solche Erfahrungen mitgeprägt, welche Bedeutung wir den Jahreszeiten zuschreiben. Sie sind gewissermaßen Teil unseres kulturellen Gedächtnisses geworden. Wenn draußen die Blätter fallen und die Tage kürzer werden, betrachten wir das Geschehen deshalb nicht nur durch die Brille unserer persönlichen Erinnerungen, sondern auch durch Vorstellungen und Bilder, die viel älter sind als wir selbst.
Neben unseren Erinnerungen und kulturellen Prägungen spielt allerdings auch unser Körper eine Rolle. Denn wenn im Herbst die Tage kürzer werden, verändert sich nicht nur die Landschaft vor unserem Fenster. Das Tageslicht ist einer der wichtigsten Taktgeber unserer inneren Uhr, die unter anderem unseren Schlaf-Wach-Rhythmus steuert. Weniger Licht kann deshalb dazu beitragen, dass wir uns müder, antriebsloser oder gedrückter fühlen. Wie stark jemand darauf reagiert, ist individuell sehr unterschiedlich. Manche Menschen bemerken kaum etwas davon, andere sind ausgesprochen empfindlich gegenüber den Veränderungen der Lichtverhältnisse. Unsere herbstliche Stimmung ist also nicht unbedingt nur eine Reaktion auf Erinnerungen oder Gedanken. Manchmal spielt schlicht und einfach auch unsere Biologie mit hinein.
Melancholie kann sich manchmal sogar gut anfühlen
Wir leben in einer Zeit, in der unangenehme Gefühle möglichst schnell wieder verschwinden sollen. Wer traurig ist, soll sich ablenken, etwas Schönes unternehmen, positiv denken. Dabei übersehen wir leicht, dass nicht jedes Gefühl, das ein bisschen wehtut, automatisch schlecht für uns ist. Denken Sie nur daran, wie gerne wir manchmal traurige Musik hören. Oder wie schön und schmerzlich zugleich es sein kann, alte Fotos anzuschauen und sich an Menschen oder Lebensabschnitte zu erinnern, die längst Vergangenheit sind. Wir empfinden dabei durchaus Traurigkeit, aber oft auch Wärme, Zuneigung oder Dankbarkeit. In der Emotionspsychologie spricht man in solchen Fällen von gemischten Gefühlen: Unterschiedliche, sogar gegensätzliche Emotionen können gleichzeitig auftreten. Und gerade die Melancholie ist ein Gefühl, in dem sich Traurigkeit und etwas durchaus Angenehmes auf eigentümliche Weise miteinander verbinden können.
Entscheidend ist dabei, wie wir mit solchen Gefühlen umgehen. Wer sich einen melancholischen Moment zugesteht, muss deshalb noch lange nicht in Grübeleien versinken. Im Gegenteil: Es kann durchaus wohltuend sein, eine gewisse Traurigkeit einfach einmal zuzulassen, ohne sie sofort vertreiben oder erklären zu wollen. Schließlich gehören Abschied, Verlust und Veränderung genauso zum Leben wie Freude und Aufbruch. Und es wäre ziemlich anstrengend, wenn wir uns bei jeder wehmütigen Regung gleich fragen müssten, was denn nun schon wieder mit uns nicht stimmt.
Allerdings gibt es einen wichtigen Unterschied zwischen Melancholie und anhaltender Niedergeschlagenheit. Wenn wir in Erinnerungen schwelgen, kann das durchaus ein bittersüßes, manchmal sogar tröstliches Erlebnis sein. Wenn unsere Gedanken dagegen immer wieder um dieselben Verluste, Fehler oder verpassten Chancen kreisen, ohne dass wir innerlich weiterkommen, sprechen Psycholog:innen von Grübeln oder Rumination. Dieses gedankliche Kreisen kann negative Stimmungen verstärken und aufrechterhalten. Und wenn aus gelegentlicher Herbstschwermut eine länger anhaltende depressive Verstimmung wird, die unseren Alltag beeinträchtigt, sollten wir das ernst nehmen. Nicht jede herbstliche Melancholie ist eine Depression. Aber umgekehrt sollte man eine Depression auch nicht als bloßen Herbstblues abtun.
Was die Wehmut uns sagen kann
Manchmal ist es nämlich gar nicht der Sommer, den wir vermissen, wenn uns im Herbst ein wenig schwer ums Herz wird. Vielleicht denken wir an einen Menschen, mit dem wir früher um diese Jahreszeit Spaziergänge unternommen haben. An die Kinder, mit denen wir gefühlt doch erst gestern noch Kastanienmännchen gebastelt haben, und die inzwischen längst erwachsen sind und ihr eigenes Leben führen. Oder an eine Zeit, in der wir selbst noch jünger waren und das Gefühl hatten, dass uns alle Möglichkeiten offenstehen. Solche Erinnerungen können schmerzen, gerade weil sie mit etwas Schönem verbunden sind. Denn was wir vermissen, war uns einmal wichtig. Und manchmal wird uns durch dieses Gefühl überhaupt erst bewusst, wie viel uns ein Mensch, eine Beziehung oder ein bestimmter Lebensabschnitt bedeutet hat.
Melancholie kann deshalb durchaus ein Anlass sein, ein wenig genauer hinzuschauen. Fehlt mir tatsächlich etwas in meinem gegenwärtigen Leben? Gibt es Menschen, zu denen ich gerne wieder mehr Kontakt hätte? Oder trauere ich vielleicht einer Zeit hinterher, die sich gar nicht zurückholen lässt? Nicht auf jede dieser Fragen gibt es eine befriedigende Antwort, und nicht aus jeder Sehnsucht muss gleich ein konkreter Vorsatz werden. Manchmal hilft es schon, besser zu verstehen, weshalb uns etwas berührt. Und manchmal entdecken wir dabei tatsächlich einen Wunsch oder ein Bedürfnis, dem wir im Alltag zu wenig Aufmerksamkeit schenken.
Vielleicht wäre es deshalb gar keine schlechte Idee, der Herbstmelancholie in diesen Wochen gelegentlich ein wenig Raum zu lassen. Nicht jedes Stimmungstief verlangt nach Ablenkung, nicht jeder wehmütige Gedanke nach einer Lösung. Wir dürfen auch einmal traurig darüber sein, dass etwas Schönes vergangen ist, ohne uns gleich aufmuntern zu müssen. Und wir können uns gleichzeitig auf das freuen, was noch kommt. Schließlich schließen sich diese Gefühle nicht gegenseitig aus. Und manchmal helfen schon eine wärmende Tasse Tee, ein paar Kerzen oder ein Spaziergang an der frischen Luft dabei, die Stimmung wieder ein wenig aufzuhellen. Das Leben verändert sich nun einmal, und wir verändern uns mit ihm. Der Herbst erinnert uns daran - manchmal auf eine Weise, die ein bisschen wehtut. Aber das muss nicht heißen, dass mit uns oder unserem Leben etwas nicht stimmt.
