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Frau kann sich nicht entscheiden
Unverbindlichkeit Wahlmöglichkeiten Angst vor Entscheidungen

Warum wir uns immer seltener festlegen

Felicitas Heyne
Felicitas Heyne

Weshalb offene Möglichkeiten Freiheit versprechen (und uns manchmal genau deshalb unglücklich machen).

„Ich sag dir später Bescheid.“
„Mal schauen, ob wir es schaffen.“
„Lass uns das spontan entscheiden.“

Solche Sätze hören wir heute ständig. Und wahrscheinlich benutzen wir sie auch selbst. Schließlich möchten wir uns meist möglichst viele Möglichkeiten offenhalten. Vielleicht kommt ja noch eine interessantere Einladung dazwischen. Vielleicht passt das Wetter nicht. Vielleicht fühlen wir uns an dem Tag doch nicht danach.

Früher hätte ich darüber wahrscheinlich gar nicht weiter nachgedacht. Inzwischen frage ich mich jedoch immer öfter, ob diese neue Unverbindlichkeit nicht mehr über unsere Zeit erzählt, als uns eigentlich bewusst ist. Denn mir fällt - beruflich wie privat - auf, dass es zunehmend mehr Menschen erstaunlich schwerfällt, sich wirklich auf etwas einzulassen. Auf einen Termin. Auf eine Entscheidung. Auf einen Beruf. Auf eine Beziehung. Auf einen Wohnort. Manchmal sogar nur auf einen Film am Abend.

Man kann wohl sagen, dass uns heute in fast allen Lebensbereichen mehr Wahlmöglichkeiten offenstehen als früher. Da erscheint es zunächst ja durchaus vernünftig, sich möglichst lange alle Optionen offen zu halten. Schließlich möchte niemand vorschnell eine Entscheidung treffen und später denken: „Da wäre vielleicht noch etwas Besseres gewesen.“ Vielleicht ist gerade die Fülle unserer Möglichkeiten ein Grund dafür, dass wir uns heute so schwer festlegen. Denn jede Entscheidung bedeutet schließlich auch, andere Möglichkeiten auszuschließen - und damit möglicherweise etwas zu verpassen.

Die spannende Frage ist: Was kostet uns dieses ständige Offenhalten eigentlich?

Jede Entscheidung bedeutet auch Verzicht

Sich zu entscheiden klingt zunächst nach etwas Positivem. Wir wählen etwas aus, das zu uns passt, und gehen damit einen Schritt weiter. Das ist gut.

Gleichzeitig bedeutet jede Entscheidung aber ja immer auch, andere Möglichkeiten gehen zu lassen: Wenn ich mich für diesen Urlaub entscheide, fahre ich eben nicht an den anderen Ort. Wenn ich diese Stelle annehme, sage ich einer anderen Möglichkeit ab. Wenn ich mich auf eine Beziehung einlasse, entscheide ich mich damit erst einmal gegen die Weitersuche nach jemandem, der oder die vielleicht noch besser zu mir passen könnten. Genau dieser Teil des Entscheidens fällt uns oft schwerer als der eigentliche Entschluss.

Psychologisch spielt dabei die sogenannte Verlustaversion eine Rolle: Verluste empfinden wir häufig stärker, als wir vergleichbare Gewinne genießen. Wenn wir unerwartet 50 Euro gewinnen, freuen wir uns darüber - aber in der Regel nicht ganz so sehr, wie wir uns darüber ärgern, dieselben 50 Euro zu verlieren. Und genau deshalb tun wir uns oft so schwer, andere Optionen aufzugeben, selbst dann, wenn wir mit unserer Entscheidung eigentlich zufrieden sind. Denn Möglichkeiten fühlen sich solange besonders angenehm an, wie sie offen sind. Sie versprechen uns Freiheit. Erst wenn wir eine davon wählen, müssen wir die anderen zumindest fürs Erste beiseitelegen.

Das kann sogar dann Stress erzeugen, wenn wir wir mit unserer Wahl zunächst ganz zufrieden waren. Denn unser Kopf ist ausgesprochen talentiert darin, sich auch im Nachhinein mit den nicht gewählten Möglichkeiten zu beschäftigen: War die andere Stelle vielleicht doch interessanter? Hätte der andere Urlaubsort besser gepasst? Wäre ich mit jemand anderem vielleicht glücklicher? Dieses „Was-wäre-wenn?“-Spielchen können wir natürlich unbegrenzt spielen. Je größer unsere jeweilige Auswahl ist, desto mehr Stoff liefern wir unserem Kopf für solche Vergleiche.

Und genau hier kann aus Freiheit Belastung werden. Denn wenn jede Entscheidung gleichzeitig das Gefühl in uns auslöst, etwas anderes zu verpassen, fühlt sich eine Entscheidung fast nie nur wie ein Gewinn an, sondern immer auch wie ein kleiner Verlust.

Im Übrigen: Unsere offenen Optionen betreffen ja selten nur uns selbst. Wenn ich mich bis zuletzt nicht festlegen möchte, muss jemand anderes mit dieser Unsicherheit leben. Freunde können nicht planen, ob ich zum Essen komme, eine Kollegin weiß nicht, ob sie mit meiner Unterstützung rechnen kann, und mein Gegenüber in einer Beziehung weiß womöglich dauerhaft nicht so recht, woran es mit mir ist. Die Freiheit, die ich mir bewahre, kann also auf der anderen Seite ebenfalls einen Preis haben.

Die Suche nach der perfekten Entscheidung

Hinzu kommt noch etwas: Je größer unsere Auswahl wird, desto leichter geraten wir auch in eine Optimierungsfalle. Wir suchen dann nicht mehr nach einer guten Entscheidung. Sondern nach der bestmöglichen. Das klingt zunächst ja auch durchaus vernünftig. Wenn einem schon so viele Möglichkeiten offenstehen, warum sollte man sich dann mit der zweitbesten zufriedengeben?

Genau darin liegt allerdings das Problem. Denn je stärker wir optimieren wollen, desto schwerer wird es, irgendwann wirklich zufrieden zu sein. Solange noch andere Möglichkeiten denkbar sind, bleibt immer auch der Gedanke: Vielleicht gibt es noch etwas Besseres. Das zeigt sich im Kleinen genauso wie bei großen Lebensentscheidungen. Wir vergleichen Urlaubsziele, Wohnungen, Berufe oder Partner:innen miteinander und verbringen dabei jede Menge Zeit mit der Frage, was (oder wer) optimal wäre, statt ernsthaft auszuprobieren, wie sich eine der Möglichkeiten anfühlt, wenn wir ihr eine echte Chance geben.

Vielleicht kennen Sie das sogar von Streamingdiensten. Man setzt sich abends aufs Sofa, öffnet Netflix oder eine andere Plattform und scrollt erst einmal durch das Angebot. Die Auswahl ist riesig. Und gerade deshalb fällt die Entscheidung schwer. Man möchte schließlich genau den Film finden, der heute Abend perfekt passt. Und am Ende hat man dann mehr Zeit mit der Suche verbracht als mit dem eigentlichen Anschauen.

Im Kleinen wirkt das fast komisch. Im Großen kann derselbe Mechanismus dazu führen, dass wir selbst wichtige Entscheidungen immer weiter hinausschieben: den Jobwechsel, den Umzug, die feste Beziehung, die Zusage zu etwas, das eigentlich gut zu uns passen würde. Nicht weil wir nichts wollen, sondern weil wir uns die anderen Möglichkeiten nicht endgültig nehmen möchten.

Wirkliche Tiefe braucht Commitment

Solange etwas nur eine Möglichkeit unter vielen bleibt, kann es kaum Tiefe entwickeln. Die entsteht erst, wenn wir bei etwas bleiben und ihm Zeit geben. Eine Freundschaft zum Beispiel wird eng, weil wir mit einem Menschen immer wieder Erfahrungen machen, Streit aushalten und irgendwann Geschichten teilen, die Jahre zurückreichen. Mit Liebesbeziehungen ist es ähnlich.

Genau das verträgt sich schlecht mit der ständigen Frage, ob irgendwo noch etwas Besseres wartet. Wer innerlich immer schon die nächste Möglichkeit mitprüft, ist nie ganz dort, wo er gerade ist. Man ist nie wirklich „all in“, sondern immer mit einem Fuß schon wieder zur Tür hinaus.

Ich sage Paaren in meiner Praxis gern: „Wahre Liebe findet man nicht - man erschafft sie.“ Eine tiefe Beziehung entsteht eben nicht auf den berühmten ersten Blick, sondern dadurch, dass zwei Menschen über lange Zeit immer wieder neu füreinander da sind, Unterschiede aushalten und gemeinsam etwas aufbauen. Emily Dickinson hat diesen Gedanken einmal sinngemäß wunderschön so ausgedrückt: Ein „Für immer“ setzt sich aus vielen „Jetzt“ zusammen. Und das gilt nicht nur für die Liebe. Auch ein Beruf, ein Projekt, ein Hobby oder ein Wohnort kann erst mit der Zeit zu etwas wirklich Eigenem werden.

Sich festzulegen heißt nicht, nie wieder umkehren zu dürfen

Natürlich geht es nicht darum, an einer schlechten Entscheidung um jeden Preis festzuhalten. Wir dürfen kündigen, umziehen, uns trennen und neu anfangen. Aber zwischen „Ich bin frei, meine Entscheidung zu ändern“ und „Ich halte mir vorsichtshalber immer schon den Ausgang offen“ liegt ein großer Unterschied.

Viele Menschen wünschen sich Sicherheit, bevor sie sich festlegen. Nur entsteht diese Sicherheit häufig erst unterwegs. Erst wenn wir Erfahrungen sammeln, Schwierigkeiten bewältigen und einer Entscheidung eine echte Chance gegeben haben, können wir oft beurteilen, ob sie tatsächlich zu uns passt.

Manchmal lautet das Ergebnis dann eben auch: Nein, das ist wirklich nichts für mich. Aber auch das wissen wir erst, nachdem wir uns ernsthaft darauf eingelassen haben.

Vielleicht hören wir solche Sätze deshalb heute so oft:

„Ich sag dir später Bescheid.“
„Mal schauen, ob wir es schaffen.“
„Lass uns das spontan entscheiden.“

Natürlich gibt es Situationen, in denen das absolut sinnvoll ist. Aber manchmal lohnt es sich, sich ehrlich zu fragen: Halte ich mir gerade aus gutem Grund eine Möglichkeit offen - oder scheue ich mich einfach davor, eine Entscheidung zu treffen und mit ihr erst einmal weiterzugehen?

Vielleicht haben wir Freiheit ja ein bisschen zu einseitig verstanden. Sie besteht nicht nur darin, möglichst viele Möglichkeiten zu haben. Zur Freiheit gehört auch, sich für eine davon entscheiden zu können - und zu dieser Entscheidung wirklich zu stehen.

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